von Elfriede Jelinek

Abschlussproduktion des 4. Jahrgangs Schauspiel

"Der Haß auf den Sport durchzieht alle meine Bücher", sagt die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek in einem Interview zu "Sportstück" und fährt fort: "Dabei geht es nicht um den Sport an sich, sondern den Sport als Massenphänomen und das einzig sanktionierte Auftreten von Gewalt." Ganz im Sinne von Canettis "Masse und Macht". Oder wie sie in ihren Regieanweisungen zu "Sportstück" bemerkt: "Vielleicht handelt das ganze Stück aber auch von was ganz andrem."

"Sportstück" ist ein Sprachteppich aus polyphonen Stimmen, in den Jelinek Motive und Themen einwebt, die ein vielschichtiges Vexierbild der Wirklichkeit entstehen lassen. Eine narzisstische Mutter schickt ihren Sohn in den Krieg des Sports oder auch in den Krieg selbst, um an seinem Ruhm teilzuhaben, der ihr als Mutter am heimischen Herd verwehrt bleibt. Efriede Blauensteiner- genannt die "Schwarzen Witwe von Wien" - erleichtert alte Männer zuerst um ihre Ersparnisse, dann um ihr Leben: "Das Töten ist einfach mein Lieblingssport". Und als Wiedergänger aus seinem Grab spricht der steirische Bodybuilder Andreas Münzer ("der Andy von der Pack"), der seinen Körper durch Anabolika zerstört hat, weil er seinem großen Idol Arnie (Arnold Schwarzenegger) nacheifern wollte.

Und auch in "Sportstück" ist es da, das große Thema der Elfriede Jelinek, an dem sich die sprachgewaltige Dichterin obsessiv abarbeitet: Die verdrängte Vergangenheit, unser Weiterleben auf den Massengräbern der Toten, die nicht sterben können und als Untote der Geschichte wiederauferstehen und keine Ruhe geben.

Aber das Besondere an ihrem 1998 geschriebenen Text ist der "radikale Subjektivismus" (Elfriede Jelinek), mit dem sie sich als Autorin in ihren Text eingeschrieben hat. In verschiedenen Aufspaltungen ihres Autorinnen-Ichs meldet sie sich immer wieder zu Wort; eine große Entlarverin und Selbstverhüllerin zugleich, die sich maskiert und demaskiert - gleich einer Pop-Ikone. Als Elfie Elektra, einer Übermalung der antiken Tragödienfigur, kommt sie auf die Leerstelle ihres Lebens, den eigenen Vater zu sprechen. Er war jüdischer Herkunft, arbeitete aber während des 2.Weltkrieges als Chemiker in der Rüstungsindustrie. In den 50ziger Jahren wurde er dement, bis er 1969 - Jelinek war damals 23 Jahre alt - geistig umnachtet starb, ausgerechnet in der Wiener Psychiatrie Steinhof, dem Ort nationalsozialistischer Euthanasieforschung. "Das was gewesen ist, auch das, was mich seit meiner Kindheit gequält hat, kommt jetzt an", sagt sie und leistet in einer persönlichen Selbstanklage Abbitte an den Vater, für dessen Tod sie sich mitverantwortlich fühlt. "Papa, du bist ein Gott gewesen und hast für mich nicht gekämpft. Das braucht ein Gott nicht." Am Ende, die Kehrseite des Redezwangs: "Genug geredet jetzt. Die Worte einen Augenblick bedenken, aber das ist schon nach dem Ende und Stille Stille, kein Geräusch gemacht."

Tina Lanik, Regisseurin u.a.am Bayerischen Staatsschauspiel und am Schauspielhaus Zürich, inszeniert nach Schimmelpfennigs "Der Goldene Drache" (ausgezeichnet mit dem Ensemblepreis beim Schauspielschultreffen in Hamburg) zum zweiten Mal am Mozarteum Salzburg.

Gallerie

Besetzung

Regie: Tina Lanik
Dramaturgie: Irma Dohn
Bühne & Kostüm: Loriana Casagrande, Sophie Marie Frauscher, Linda Hofmann, Janna Keltsch, Amelie Klimmeck
(Studierende der Abteilung Bühnen- und Kostümgestaltung)
Choreographie: Mirjam Klebel

Mit: Clemens Ansorg, Diana Ebert, Sofie Gross, Robert Herrmanns, Tim-Fabian Hoffmann, Agnes Kammerer, Johannes Lange, Josephine Raschke, Martin Trippensee, Simon Werdelis

Termine

18. Januar 2013, 20:00 Uhr Premiere

19. Januar 2013, 20:00 Uhr

25. Januar 2013, 20:00 Uhr

26. Januar 2013, 20:00 Uhr

02. Februar 2013, 20:00 Uhr

03. Februar 2013, 20:00 Uhr

08. Juni 2013, 20:00 Uhr

09. Juni 2013, 20:00 Uhr

13. Juni 2013, 20:00 Uhr

14. Juni 2013, 20:00 Uhr

24. Juni 2013, 20:00 Uhr Theatertreffen Berlin