Aus einem Text von Ernst Wendt

O Himmel!

Zu einigen Wörtern bei Kleist

„Der zerbrochne Krug“

Nein alles ist zerscherbt. Auch Adams Seele, auch Lichts Integrität. Walter ist in der Gefahr, an seiner Aufgabe als Revisor zu zerbrechen. Und Evens guter Ruf scheint zerbrochen und die Hochzeit mit Ruprecht in Scherben und dessen reiner Sinn zerstört. Vor lauter Anstrengung sind auch die Köpfe, die Schädel, zerbrochen und mit ihnen die Sprache.

„Ein Lustspiel“

Ist es eine Komödie oder doch eher eine Trgödie? Oder beides in einem: groteske Verstrickung derer, die Recht suchen, und derer, die es sprechen sollen, in einem Labyrinth des Mißverstehens und Mißtrauens, der Ausflüchte von der Wahrheit, der verbohrten Suche nach einer Wahrheit, die ‚geheim’ bleiben will. Was in jener Nacht, als der Krug in Scherben ging, denn wirklich war zwischen dem Richter Adam und dem Mädchen Eve: wir erfahren es ja nicht, es bleibt ein kleistisches Geheimnis, es läßt sich nicht aussprechen. Ein Augen-Blick mag es gewesen sein, ein Moment des Schreckens von einer möglichen Liebe (die Namen der Protagonisten deuten ja darauf hin), und der setzt nun ein derart unentwirrbares System von Ehrsuche, Verdrängung, kaschiertem Ehrgeiz und gläubigen Lügen in Gang, daß es einen schwindlig machen könnte. Was Recht und Wahrheit sind, geht darin – je länger sie verfolgt werden - desto mehr – verloren.

„Ei, seht!“

„Ei“: Das erste Wort, das im Stück gesprochen wird, und eine der Lieblingsvokabeln kleistischer Figuren. Ein Ausdruck der Augen. Was Kleists Menschen sehen, bietet sich ihnen zweideutig dar und bleibt ihnen verrätselt. Sie schicken ihre Augen auf die Reise, die Wirklichkeit zu prüfen, aber die anderen Sinne, die Ohren, der Herzschlag, die Sprechlust widerstreiten den Einsichten des Auges, weil sie anders sehen als sie hören, weil ihre Blicke ihnen anderes erzählen, als das Gefühl es will. Ruprecht, der seinen Augen nicht traut, verschafft sich mühsam Luft, als sie ihn zwingen, ihnen zu glauben, denn in der Widerrede mit ihnen hat er vergessen zu atmen; drauf tritt er eine Tür ein und hätte fast, es wäre ihm recht gewesen, im Affekt den Adam mit der Klinke erschlagen. Der hatte zuvor, wenn wir Eve glauben, zwei abgemessene Minuten, starr sie angesehen, einer der kleistischen Geheimnis-Blicke, von denen wir nicht verraten bekommen, was da gesehen wird. Denn Kleists erotische Phantasie spricht sich nicht aus, er codiert sie in Wörtern, die von der sinnlichen Macht des Sehens sprechen, als hätten alle Figuren Angst, blind zu werden.

„Was?-Was?“

Sie hören ja auch nicht richtig. Sie fragen einander nach, glauben sich verhört zu haben, haben den Inhalt der eben gesprochenen Worte auch überhört. Sie sind so innig auf der Suche nach ihrer eigenen Wahrheit, sie hören so sehr in sich hinein – wie sollten sie den anderen zuhören können? Sie stottern, sie fallen, da sie nicht zuhören, einander, aber auch, vor lauter Unruhe, sich selbst ins Wort. Sprechen als Abbild der zerrissenen Seelen, ein Schizo-Text.

„Mein Seel“

Das ist natürlich mehr als eine Redensart, wohl zu verstehen als eine Redefigur, mit der sich die Figuren immer wieder dessen zu vergewissern versuchen, was in ihnen verstört ist. Ein Beschwörungslaut, der sich immer dann ausspricht, wenn die Unsicherheit einer Figur am größten ist. Der Ruf nach dem, was uns ohnehin nicht sichtbar ist, dessen Ort wir nicht kennen, bezeichnet die Angst, es möchte einem ganz sich entziehen. Seelenlos stünde man dann da, ohne Ich. Mein Seel, möge gerettet werden, möge sich retten vorm Wahnsinn.

„O Himmel!“

sagt Eve, die eine Liebesforderung in sich trägt, welche allerdings wohl nicht auf der Erde, sondern in der Ewigkeit zu haben ist: Erlösung. Drauf Ruprecht: „Das dauert mir zu lange.“ Es ist wohl doch eine Komödie.

Die sechs Schauspielstudierenden des 3.Studienjahres vom ‚Studio Salzburg’ stellen sich den Herausforderungen von Kleists Bestseller und versuchen, ihre eigenen Entdeckungen zu machen.

Galerie

Besetzung

Inszenierung: Jörg Lichtenstein
Kostüm: Anna Brandstätter
Sprecherziehung: Alena Fürnberg und Albert Weilguny

Es spielen:  Anton Andreew, Tobias Artner, Zeynep BozbayMarcel HeupermanAnna-Maria Rieser, Julius Schulte

Termine

28. November 2014, 20:00 Uhr Premiere

29. November 2014, 20:00 Uhr

05. Dezember 2014, 20:00 Uhr

12. Dezember 2014, 20:00 Uhr

13. Dezember 2014, 20:00 Uhr

17. Januar 2015, 20:00 Uhr

25. April 2015, 20:00Uhr